Bio Wissen Teil 2 - Tierhaltung Teil 2

Bio-Wissen – Teil 2 / Tierhaltung Teil 2 von 2

Die Tierhaltung ist im Biolandbau, sowohl innerhalb der EU-Bio-Verordnung und vor allem bei Bioland oder Demeter sehr stark reglementiert. Hier geht es zentral um den Ansatz, dass Tieren mehr Platz geboten wird, dass die Tiere fast ausschließlich mit Bio-Futter versorgt werden und auch, dass die Größe der Tierbestände nicht ausufert (Vermeidung der industriellen Tierhaltung). In unserem zweiten Teil geht es vor allem um kritische Bereiche in der Tierhaltung und wie diese geregelt sind.

Enthornungen von Milchvieh
Bei Milchvieh, das auf Biolandhöfen im Winter im Laufstall gehalten wird, kann es bei Rangkämpfen unter den Tieren, manchmal zu schweren Verletzungen gerade auch im Bereich des Euters kommen. Natürlich sind auch für den/die Landwirt/In die Stöße mit den Hörnern nicht ungefährlich und können sogar tödlich verlaufen! Daher enthornt man teilweise das Milchvieh. Ethisch stehen Enthornungen natürlich in der Kritik.  
Bei einer Enthornung werden dem jungen Kalb die Hornansätze mit einem heißen Stab herausgebrannt. Dieser Vorgang dauert ca. 8-10 Sekunden und wird meist vom Landwirt selber durchgeführt. Der Vorgang ist für das Kalb sehr schmerzhaft und viele Landwirte würden sehr gern auf diese Tätigkeit verzichten. Laut deutschem Tierschutzgesetz sind Eingriffe an Tieren ohne Betäubung nicht zulässig. Abweichend davon dürfen Kälber bis zum Alter von sechs Wochen ohne Betäubung enthornt werden.
Eine wachsende Schar von Bio-Milchbauern beweisen bereits im Hofalltag, erfolgreich mit Hörner tragenden Rindern arbeiten zu können. Sie haben ihre Ställe dafür angepasst und bieten ihren Tieren genügend Platz, um sich verletzungsfrei zwischen Liegebucht, Fressplatz, Melkstand und Weide bewegen zu können. Doch Platz im Stall ist teuer und muss sich durch den Verkaufs- erlös der Milch bezahlt machen.
Die Milchvieh-Zucht versucht zudem Tiere zu züchten, die genetisch hornlos sind. Es kann aber auch hier immer wieder passieren, dass sich die als dominant geltende Eigenschaft „Hörner“ immer wieder bei Jungtieren durchsetzt.  
Enthornungen sind sowohl in der EU-Bio-VO und bei Bioland laut Richtlinie „nicht erwünscht“, aber auch nicht komplett verboten! Wenn Enthornungen durchgeführt werden, muss der Betrieb eine angemessene Schmerzausschaltung (örtliche Betäubung, auch bei jüngeren Kälbern) sicherstellen. Beim Demeter-Verband sind Enthornungen grundsätzlich verboten. Auch die Haltung von genetisch hornlosem Milchvieh ist untersagt. Kühe müssen Hörner tragen!  

Kupieren von Körperteilen

Das Kupieren von Körperteilen betrifft vor allem folgende Tierarten:

  • Beim Schwein – Kupieren der Schwänze
  • Beim Zuchtschwein - Kupieren der Eckzähne
  • Bei Legehennen – Kupieren der Schnabelspitze
  • Bei Legehennen - Beschneiden der Flügelfedern
  • Bei Schafen – Kupieren der Schwänze

Auf Bio-Höfen trifft man diese Praxis zu 99 % nicht an. Das Entfernen der Stoß-, bzw. Eckzähne bei einem Zuchtkeiler hat hier die Funktion, den Landwirt beim Umgang mit dem Tier zu schützen. Legehennen in Freilandhaltung werden vereinzelt auch Federn geschnitten (ohne Schmerz), damit diese nicht mehr über den Zaun fliegen können. Das wirkliche Kupieren von Flügeln ist tierschutzrechtlich verboten. Nach einigen Wochen sind diese sogenannten Flugfedern allerdings nachgewachsen. Bei Schaflämmern werden die Schwänze kupiert, da man den Afterbereich besser sauber halten kann (nach EU-Bio-VO verboten). Die Tendenz Tiere in großer Zahl mit wenig Platz zu halten hat Konsequenzen auf das Verhalten der Tiere. Wir möchten das hier anhand von zwei Beispielen näher erläutern, um zu erklären, warum Landwirte dazu kommen Tieren Körperteile zu kupieren. Die Gründe sind hierzu sehr unterschiedlich:

Das gelangweilte Schwein
Schweine bekommen zweimal am Tag ihre Futterration und stehen ansonsten in einer Bucht auf Spaltenböden ohne Einstreu. So sieht der Alltag eines Schweines in der konventionellen Tierhaltung aus. Die intelligenten Tiere langweilen sich ansonsten den ganzen Tag und suchen Beschäftigung. Die wilden Artgenossen sind es gewöhnt ca. 6 bis 8 Stunden am Tag in der Erde zu wühlen und auf Nahrungssuche zu sein. Aus langer Weile knabbern die Tiere sich im Stall unter einander an den Ringelschwänzen oder an den Ohren. Schwächere Tiere leiden darunter besonders. Wunden entzünden sich, es kommt zu Infektionen. Der Grund dieses Fehlverhaltens ist nicht beim Schwein, sondern in der Haltungsform und Art der Fütterung zusehen. Biolandbetriebe bieten Ihren Tieren grundsätzlich Einstreu zum Wühlen. Sie haben Zugang zu einem Freiluftauslauf. Es wird permanent Rauhfutter (Heu, Silage) angeboten. Zusätzlich haben die Tiere mehr Platz. Daher tritt dieses Problem hier überhaupt nicht in dem Maße auf und der Landwirt ist auch nicht gezwungen das Problem durch Schwanzkupierungen zu verringern.

Das gerupfte Huhn (Quelle: www.huehner-haltung.de)
Per Definition versteht man unter Federpicken das Herausrupfen von Federn bei Artgenossen. Diese werden aber nicht nur herausgezogen, sondern auch von dem jeweiligen Huhn verzehrt. Als Kannibalismus bezeichnet man das Ziehen und Picken an der Haut anderer Hühner. Oft lässt sich das Rupfen bei Hennen beobachten, die zuvor bereits Federn gepickt haben und dadurch im wahrsten Sinne des Wortes auf den Geschmack gekommen sind.
Als Ursache der beiden Verhaltensstörungen wird nach derzeitigem Forschungsstand eine Art Übersprunghandlung zugrunde gelegt. Es wird vermutet, dass es eine Ersatzbefriedigung, bzw. Umorientierung für das Futterpicken, bzw. Scharren und Bodenpicken darstellt, die das Tier in jungen Jahren nicht in ausreichender Form ausleben konnte. Hinzu gesellen sich weitere begünstigende Faktoren, wie eine hohe Besatzdichte, eine unausgewogene Ernährung mit nicht ausreichendem Nährstoffangebot und insgesamt nicht artgerechte Haltungsbedingungen.
Landwirte kupieren also die Schnäbel der Hennen, weil die Hennen sich untereinander kannibalisieren. Dies ist eine Notmaßnahme, um die Hennen vor ihren Artgenossen zu schützen. Bio-(Land-) Betriebe dürfen Hühner und auch sonstiges Geflügel nur in Freilandhaltung halten. Zusätzlich bietet der Kudammhof (unser Eierproduzent) einen Scharrraum im Inneren des Stalls und Sandbäder. Der mobile Stall wird alle paar Monate auf ein neues Stück Grünland verschoben.
Die Bioland-Richtlinie und die EU-Bio-VO halten es hier ähnlich wie beim Enthornen von Milchvieh: Es ist „nicht erwünscht“ und eine Schmerz- ausschaltung im Fall der Fälle erforderlich. Grundsätzlich sind die Haltung und Fütterung der Tiere so zu gestalten, dass dieses Problem nicht zum Tragen kommt! Der Demeter-Verband verbietet jegliches Kupieren von Körperteilen pauschal!
Die eigene Erfahrung bei unseren Zulieferbetrieben zeigt, dass dort solche Eingriffe nicht nötig sind. Der Kudammhof praktiziert keine Schnabelkürzungen. Auch der Biohof Peters hat hiermit keine Probleme.

Fazit:
Das Enthornen von Milchvieh soll vor allem die Artgenossen und den Landwirt vor Verletzungen schützen. Biolandbauern versuchen allerdings durch die Veränderung der Haltungsbedingungen ganz auf das Enthornen zu verzichten. In beiden Regelwerken ist das Enthornen „nicht erwünscht“, leider aber nicht komplett verboten.
Ähnlich verhält es sich beim Kupieren von Körperteilen (hier Schnabelspitzen bei Legehennen oder Schwänze bei Schweinen). Beide Verfahren sind laut VO nicht erwünscht, aber auch nicht komplett verboten. In Ausnahmefällen wird dieser Eingriff geduldet. Grundsätzlich benötigen die meisten Bio-Betriebe jedoch solche Eingriffe nicht, da die Tierhaltung wesentlich artgerechter gestaltet ist. Das Problem tritt verstärkt in der konventionellen Tierhaltung auf.

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